Freitag, 2. Oktober 2020

Durch das Tamarindentor


Ich bin mir sicher: Abraham ist mir sympathisch, ich mag ihn sofort. Will ihn näher kennenlernen, mit ihm zusammenarbeiten. Er wird nicht mein einziger Informant bleiben, ich werde andere treffen, andere Daten bekommen, vergleichen und korrigieren können. Doch Abraham öffnet mir die Tür in seine Kultur und seine schillernde Persönlichkeit ist faszinierend. Der Abraham, den ich im Sonaf kennenlernte, war nicht wirklich. Er trug eine Maske, spontan für mich entworfen, und spielte eine Rolle, eine überzeugende Inszenierung. Situation und Atmosphäre vor ein paar Tagen in Nopes Sonaf verlangten es von ihm.
Zu Besuch in seinem Haus in Eno Kiu, relativiert sich manches. In den eigenen vier Wänden ist er weniger lautstark, zusammen mit Frau und Kindern, Nachbarn und Passanten, die vorbeikommen, eintreten, sich neugierig umschauen, mich bestaunen, Fragen stellen und weitergehen. Besonders den Kindern steht Überraschung und Unsicherheit ins Gesicht geschrieben. Schüchtern drücken sie sich in die Ecken oder stecken ihre Nasen durch die offenen Türen und Fenster. Abrahams Tür steht für Vorbeikommende offen. Gastfreundschaft ist oberstes Gebot, und Betel gibt es immer. Scheinbar gibt es niemanden, den er nicht kennt. Immer hat er Zeit und die Muße, sich einem Besucher zuzuwenden. Ein perfekter Gastgeber. Das ist in Eno Kiu üblich, lautet seine lapidare Antwort. Auch anderenorts. Schlösser, verschlossene Türen, gibt es nicht. Die Sphäre des Mannes ist das öffentliche Forum. Abraham genießt die Öffentlichkeit. Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Für sich selbst und zum Vergnügen anderer. Die Frauen leben innen, im Hintergrund, im Atrium.